Wortgeschichten: ein früher Beleg für fashionable im Deutschen (1858)

Ich hätte angenommen, dass fashionable — eines der inter­essan­teren Lehn­wörter aus dem Eng­lischen, weil es nur schwer zu über­setzen ist — erst in den letzten Jahr­zehnten ins Deutsche über­nommen wurde, zumal es ja bis heute eher selten gebraucht wird. Doch weit gefehlt: die Zeitschrift Didaskalia. Blätter für Geist, Gemüth und Publicität, erschienen bei Heller und Rohm in Frankfurt, berichtet in Nr. 9 vom 10. Januar 1858 (36. Jahr­gang), auf S. 3 unter der Rubrik ›Mannich[!]­faltig­keiten‹:

⁂ (Paris, 5. Jan.) Die hiesige englische Colonie ist wieder einmal durch einen kleinen Scandal in große Aufregung versetzt worden. Derselbe ereignete sich in einer sehr bekannten und fashionablen Pension (so nennt man in Paris die Häuser, wo Fremde sich auf Monate Kost und Logis nehmen) […].

Bemerkenswert scheint an diesem zufälligen Beleg, dass der (ungenannte) Kor­respondent zwar ›Pension‹ ausführlich erklärt, aber fashionable für gar keiner Erklärung bedürftig hält, zudem das Wort auch nicht (wie damals bei Fremd- und Lehn­wörtern üblich) in Antiqua gesetzt oder ander­weitig hervor­gehoben wird, sondern wie der Rest des Textes in gewöhnlicher Fraktur steht. Daraus kann man schließen, dass der Begriff den Lesern der Didaskalia schon einiger­maßen geläufig war.

Im Englischen ist fashionable übrigens laut dem Oxford English Dictionary¹ seit dem frühen 17. Jahr­hundert geläufig; dies gilt sowohl für die anscheinend veraltete Bedeutung Of a good fashion or appearance; goodlooking, stylish (erster Beleg von 1630; mit † als ›obsolete‹ gekennzeichnet) als auch für die auf Personen oder Dinge, v. a. Kleidung bezogene Bedeutung Observant of or following the fashion; dressing or behaving in conformity with the standard of elegance current in upper-class society. Das ist ja in etwa die Bedeutung, welche fashionable heute im Deutschen hat.² Und hier stammt der erste Beleg von 1606³ und keinem Geringeren als Shakespeare; in Troilus and Cressida heißt es (III 3, 165ff.):

For Time is like a fashionable host,
That slightly shakes his parting guest by th’ hand;
And with his arms out-stretch’d, as he would fly,
Grasps in the corner.

Gemäß der verbreiteten Übersetzung von Wolf Graf Baudissin (1832):

Denn Zeit ist wie ein Wirt nach heut’ger Mode,
Der lau dem Gast die Hand drückt, wenn er scheidet,
Doch ausgestreckten Arms, als wollt’ er fliegen,
Umschlingt den, welcher eintritt.

Ins Deutsche des 19. Jahrhunderts dürfte fashionable aber wohl weniger über Shakespeare als vielmehr über Magazine zur ›englischen Mode‹ eingewandert sein; denn letztere war zeitweise sehr en vogue oder eben — fashionable. Entsprechende erste Belege wären also wahr­scheinlich in Mode­magazinen zu finden. Aber selbst wenn diese Erklärung richtig ist und die Übernahme des Wortes verständlicher macht, es bleibt doch bemerkenswert, dass auch eine allgemeine Zeit­schrift wie die Didaskalia 1858 das Fremdwort so selbst­ver­ständlich gebraucht.

Anmerkungen

  1.  Second edition 1989, p. 744f.
  2.  So über­setzt etwa das Duden-Fremd­wörter­buch (7. Auflage 2001, S. 304): »modisch, elegant, vornehm«.
  3.  So das OED; allerdings ist die Datierung von Troilus and Cressida wie bei vielen Stücken nicht eindeutig, oft wird etwa 1602 als Entstehungszeit angenommen.