Eine sehr neue neulateinische Inschrift am Zweifelberg

Blick vom Äußeren Zweifelberg auf den Inneren Zweifelberg (links) und Richtung Brackenheim (eigene Aufnahme, 18. Oktober 2010)

Blick vom Äußeren Zweifelberg auf den Inneren Zweifelberg (links) und Richtung Brackenheim (eigene Aufnahme, 18. Oktober 2010)

Am Zweifelberg, einer bekannten Weinlage Bracken­heims (nördliches Württem­berg), zwischen den male­rischen Dörfern Neipperg, Stock­heim und Haber­schlacht, ist an einem mächtigen Stein eine Bronce-Plakette mit einer Inschrift ange­bracht, die schon so manchem Wanderer und Wein­freund Kopf­zerbrechen bereitet haben dürfte. Sie ist nämlich lateinisch abgefasst und lautet:

Dic[,] hospes[,] domi tres te hic vidisse iacentes
parochias Ulichi Katharinae Iacobi.
Anno Domini MMV pastor loci

Der Witz dieser Inschrift, um es gleich zu verraten, liegt darin, dass sie eine Anspielung auf das berühmte Distichon ist, welches (vermutlich) Simonides den 480 v. Chr. bei den Thermopylen gefallenen Spartanern widmete (vgl. Herodot, Historien VII 228), genauer gesagt, auf die früher oft zitierte lateinische Fassung dieses Distichons, die von Cicero stammt (Tusculanae disputationes I 101):

Dic, hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentes,
 dum sanctis patriae legibus obsequimur.

Uns Heutigen ist wohl eher noch die freie deutsche Nachdichtung Schillers vertraut:

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
 Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Unser Poet hat seine Umdichtung MMV, also 2005 verfasst, wobei er geschickt Anfang und Ende des ersten Verses der lateinischen Fassung übernommen und dem »iacentes« einen neuen Sinn gegeben hat. Da »domi« Lokativ ist (›zuhause‹), genau wie »Spartae« in der Vorlage, da »tres … iacentes … parochias« zusammengehören und da »te … vidisse« einen AcI bilden, könnte man übersetzen (möglichst wörtlich, ohne Versform):

Fremder, erzähle zuhause, dass du hier die drei Parochien von Ulrich, Katharina und Jakobus liegen gesehen hast.
Im Jahre des Herrn 2005 der Ortspfarrer

Welche drei Kirchengemeinden damit gemeint sind, hängt natürlich vom Punkt der Anbringung der Inschrift ab, dem »hier«. Da man nun vom Zweifelberg aus tatsächlich drei Dörfer sehen kann, sind offenbar gemeint:

Und wer war der Verfasser, der »pastor loci«, also der Ortspfarrer im Jahre 2005? Da Neipperg, Stockheim und Haberschlacht sich zusammen einen evangelischen Pfarrer teilen, liegt es nahe, nicht auf den katholischen Seelsoger, sondern auf seinen protestantischen Kollegen zu tippen. Frau Weisser, der Geschäftsführerin des Dekanatamtes in Brackenheim, verdanke ich die Auskunft, dass dies Hans Rippmann gewesen sein muss, bis 2006 Pfarrer in Haberschlacht-Neipperg, der tatsächlich »gerne bei allen möglichen Gelegenheiten lateinisch formuliert[e]«. So wissen wir nun, wem wir diese geistreich-launige Umdichtung verdanken.

Tatsächlich gewährt der Zweifelberg überraschende Durchblicke, wie hier auf Burg Neipperg (eigene Aufnahme, 18. Oktober 2010)

Tatsächlich gewährt der Zweifelberg überraschende Durchblicke, wie hier auf Burg Neipperg (eigene Aufnahme, 18. Oktober 2010)